Die Fortsetzungsgeschichte ohne erkennbares Ende
Teil 1: Von den Dingen, die uns wählen
Es war ein Dienstag, der sich anfühlte wie ein nachträglicher Montag, ein Tag, der seiner eigenen Existenz skeptisch gegenüberstand. Die Straße, sonst nur Durchgangszone zwischen zwei wichtigeren Orten, wirkte an diesem Vormittag wie ein stillgelegter Gedankenstrang: geschlossene Geschäfte, ein Paketbote, der mit seinem Scanner schimpfte, ein Himmel, dessen Grau keinerlei Pathos beanspruchte.
Sie war nicht unterwegs, um etwas Bestimmtes zu erledigen. Es war eine Bewegung gegen die innere Stagnation, ein Versuch, dem eigenen Denken ein Ventil zu geben. Als sie stehen blieb, tat sie es nicht aus Neugier, sondern aus einer Art gedanklicher Ermüdung: vor einem Schaufenster, das ihr vorher nie aufgefallen war. Kein Schild, keine Marke, lediglich ein einzelner Gegenstand hinter Glas, ein alter Kompass.
Die Tür stand offen, ein unbeabsichtigter Zwischenzustand.
Der Raum war eng, bestückt mit Regalen, die keine Ordnung behaupteten, kein Kuriositätenkabinett, sondern ein Archiv von Dingen, die sich der Zweckzuweisung entzogen: ein geschlossenes Buch ohne Kontext, eine Schwarzweißfotografie eines Kindes im Zugfenster, eine Sanduhr, deren Körner am oberen Ende verharrten. Alles wirkte, als hätte die Zeit beschlossen, nicht mehr zu funktionieren, solange niemand hinsehe.
Hinter dem Tresen stand eine Frau, deren Erscheinung eine merkwürdige Zeitlosigkeit besaß.
"Suchen Sie etwas Bestimmtes?", fragte sie.
Die Besucherin überlegte, ob sie "Nein" sagen sollte, entschied sich aber für eine präzisere Wahrheit: "Ich bin zufällig hier. Ich habe diesen Laden noch nie gesehen."
"Die meisten sehen ihn erst, wenn sie nicht mehr so sehr mit sich selbst beschäftigt sind", antwortete die Frau, eine nüchterne Beobachtung.
Die Frage, die sich aufdrängte, war die nach der Logik dieses Ortes. Die Besucherin fragte: "Was verkaufen Sie?"
"Relikte von Entscheidungen", sagte die Frau. "Manche Gegenstände stammen aus Leben, die nie stattgefunden haben. Andere aus solchen, die man verlassen hat."
Sie hätte lachen können, wenn die Aussage nicht zugleich irritierend zutreffend wirkte. Der Kompass vor ihr war plötzlich nicht mehr ein Objekt, sondern eine Möglichkeit. "Und was kostet so etwas?"
Die Frau sah sie lange an, als wäge sie ab, ob die Frage ökonomisch oder existenziell gemeint war. Schließlich sagte sie: "Das hängt davon ab, wie sehr Sie bereit sind, von Ihrer bisherigen Erzählung abzurücken."
Der Satz erschien ihr wie die Implikation, dass Identität auch eine Wahlverweigerung sein kann.
Draußen schimpfte der Paketbote wieder. Drinnen war es still. Sie legte die Hand auf den Kompass. Der Sand in der Sanduhr begann zu rieseln, als gäbe es eine Kausalität zwischen Handlungsabsichten und Zeit.
Die Frau nickte knapp, fast sachlich: "Sie können beginnen, wenn Sie möchten."
Sie verstand nicht, was "beginnen" bedeutete.
Teil 2: Über die Zumutungen der Wahl
Der Kompass vermittelte die Dichte einer Entscheidung, die noch nicht getroffen war. Die Frau hinter dem Tresen beobachtete sie mit höflicher Indifferenz, als läge es ihr fern, den Moment zu kommentieren.
"Man erwartet von einem Kompass, dass er einen Ort bezeichnet", sagte die Besucherin, "aber möglicherweise zeigt er nur an, wohin man sich bereits bewegt hat, ohne es zu merken."
"Die meisten Menschen halten Richtung für etwas Objektives", erwiderte die Frau. "Richtung ist eine interpretative Leistung." Sie sagte es wie ein beiläufiges Aperçu,es gab nichts Mysteriöses daran, nur eine unaufdringliche Schärfe.
Die Besucherin beobachtete die Sanduhr, deren Inhalt plötzlich zu rieseln begonnen hatte, das Rieseln ein kaum wahrnehmbares Geräusch, leiser als ein Atemzug, hartnäckig wie eine Fristsetzung.
"Wenn ich diesen Kompass kaufe", fragte sie langsam, "was lasse ich dann zurück?"
Die Frau legte die Hände auf den Tresen, ihre Geste eine eindeutige Präzisierung.
"Sie lassen nichts Physisches zurück," sagte sie. "Sie lassen eine Version Ihrer Geschichte zurück. Jede Entscheidung ist ein Ausschluss. Wir leben nicht in einem Mangel, sondern in einem Überangebot an Identitäten, von denen wir nur eine ausführen können."
Der Besucherin kam nichts an diesem Gespräch komisch vor. "Das klingt eher nach einem philosophischen Seminar als nach einem Geschäft."
"Philosophie ist die älteste Form des Handels", sagte die Frau. "Man tauscht Annahmen gegen Einsichten."
Ein Luftzug zog den Staub im Schaufenster in eine kleine Spiralbewegung, alles schwebte in merkwürdiger Gleichmäßigkeit.
"Und was passiert", fragte die Besucherin, "wenn ich mich entscheide, nichts zu kaufen?"
Die Frau antwortete ohne Zögern: "Dann wird der Laden für Sie nicht mehr existieren."
Dies erschien der Besucherin weder unlogisch noch inkonsequent. Die Welt enthält nur das, was man anerkennt, alles andere ist eine Art gedankliches Schattenreich. Sie beobachtete den Kompass, unbeweglich, starr, ein physisches Ding. War er ein Werkzeug oder ein Spiegel? Als Angebot, sich neu auszurichten? Orientierung ist nicht selbstverständlich.
Ein Moment lang überlegte sie, ob die ganze Situation nicht auch als Metapher taugen würde: Man steht vor der Möglichkeit, anders weiterzugehen ... und die Entscheidung selbst verändert bereits die Ausgangslage. War das die eigentliche Zumutung: dass ihre Wahl nicht nur die Zukunft prägen würde, sondern rückwirkend die Vergangenheit neu strukturiert?
"Ich brauche Zeit", sagte sie schließlich.
Die Frau nickte. "Zeit ist hier kein verlässlicher Parameter. Aber nehmen Sie sich, was Sie benötigen."
Die Besucherin legte den Kompass zurück ins Regal. Als ihre Finger ihn losließen, blieb ein eigentümlicher Druck in ihrer Handfläche, wie wenn sie etwas festgehalten hatte, das nicht sichtbar war.
"Ich komme wieder", sagte sie, indes war sie nicht sicher, ob man an einen Ort zurückkehren konnte, der möglicherweise nur unter bestimmten Bedingungen existierte.
"Dinge verändern sich, wenn man sich ihnen erneut zuwendet", sagte die Frau.
Die Besucherin wertete dies als präzise Beobachtung über die Natur der Aufmerksamkeit, ging wortlos zur Eingangstür und trat hinaus auf die Straße. Der Paketbote war verschwunden, die Rollläden einiger Geschäfte waren inzwischen hochgezogen. Der Himmel hatte sich aufgehellt, nicht aus meteorologischen Gründen, sondern weil sie den Blick hob.
Ein paar Schritte weiter blieb sie stehen und drehte sich um. Der Laden war noch da, das Schaufenster war leer.